Sie glitzern, funkeln, brechen auf spannende Weise das Licht. Sie leuchten hellweiss, mit flüchtigem Regenbogenschimmer oder in eigener bunter Färbung. Sie werden mit Stolz präsentiert, sind luxuriöse Statements und, wie schon Marilyn Monroe bestätigte, «a girl's best friend»: Diamanten. Werte, geboren im Dunkel der Erdschichten und Ergebnis der Naturgewalten. Begleiter für die Ewigkeit durch ihre in Jahrmillionen gewachsene Härte. Exklusiv durch ihre seltenen Vorkommen und den Aufwand bei Bergung und Bearbeitung. So jedenfalls dachten wir bisher. Denn inzwischen ist der Diamant nicht mehr nur Zeuge einer Zeit, welche Menschenalter überdauert. Längst wächst er im Labor, ebenbürtig in Qualität, Glanz und Schönheit. Gilt er damit noch als Luxus?

Mit blossem Auge lässt sich kein Unterschied feststellen. Kristallstruktur, Härtegrad auf der Mohs-Skala, Brechungsindex, Wärmeleitfähigkeit: Natur- und Labordiamant sind, auch nach eingehender Prüfung und Zertifizierung durch Fachinstitute wie das Gemological Institute of America, vollkommen identisch. Und doch erzählt jeder der beiden Steine eine andere, eigene Geschichte seiner Herkunft, welche aber im Verborgenen bleibt. Hier der jenseits jeder Zeitrechnung in den Tiefen der Erde gereifte Diamant, dort der in wenigen Wochen aus Gasgemisch, Hitze und Hochdruck im Labor gewachsene; hier die zufällige Grösse und Färbung eines natürlichen Bodenschatzes, dort die gezielte Kultivierung von Wunschgewicht und -farbe im Reagenzglas – Bor für Blau, Stickstoff für Gelb, Rosa- und Rottöne durch Eingriffe in das Kristallgitter. Ewigkeit wird geklont, ganz ohne Abstriche.

ZWEI GESCHICHTEN, EIN DIAMANT – EINE INDUSTRIE SUCHT IHR GLEICHGEWICHT

Der technische Fortschritt wirkt disruptiv: Die alternative Art der Diamantentstehung markiert den Beginn einer neuen Ära, welche Industrie und Konsumenten gleichermassen herausfordert. Über Jahrzehnte bestimmten einige wenige Konzerne über den Handel mit Diamanten – über 80 Prozent des Weltmarkts lagen allein in der Hand von De Beers. Die Verkaufs- und Preisstrategie war nicht nur vom Versprechen eines über Generationen bleibenden Werts getragen, sondern auch von der Illusion des Limitierten, der Exklusivität des Einzelstücks – bei einem selten vorkommenden Naturprodukt durchaus nachvollziehbar. Nun stellt völlig unerwartet eine neue Konkurrenz das Marktgeschehen auf den Kopf: Was in den Laboren von US-Unternehmen wie Diamond Foundry und WD Lab Grown Diamonds oder im grossen Stil in den Produktionshallen in Indien und China wächst, nimmt den bisherigen Strukturen ihr Fundament. Plötzlich besteht ein endloses Angebot an Diamanten, welche in ihrer Perfektion gleichberechtigt sind. Plötzlich gibt es sie nicht mehr, diese Knappheit, welche den Stein zum Luxusgut erklärte. Die Veränderung zeigt Wirkung: Der Markt reagiert mit Preisverfall – und das nicht nur beim synthetisch hergestellten Angebot, dessen Wachstum unaufhörlich steigt und deren Produktion mit jeder neuen Technologiegeneration effizienter und günstiger wird; seit 2018 haben die Grosshandelspreise für Labordiamanten um bis zu 90 Prozent nachgegeben. Auch der natürliche Stein bleibt von diesem Beben nicht verschont. Galt er in den Jahren der Pandemie noch als krisensicherer Sachwert, zeigen sich heute die Auswirkungen des Wettbewerbs: Hohe Lagerbestände und geringere Nachfrage beschreiben den Abwärtstrend im Handel, welcher Analysten zufolge bereits den «Inflection Point» für die gesamte Branche erreicht hat, welche sich nun diesem Wandel anpassen muss.

ILLUSION

Ein natürlicher Diamant. Hochkarätig, vollendet geschliffen und kunstvoll zum Schmuckstück gefertigt. Wir tragen teure Exklusivität und Schönheit an Finger, Handgelenk oder Hals, aber zugleich auch das Gefühl eines Werts, welcher durch sein Zertifikat bestätigt wird. Wer den Kauf als Wertanlage sieht, um das Objekt eines Tages gewinnbringend zu verkaufen, wird merken, dass diese Rechnung kaum aufgeht – allenfalls bei einzelnen, aussergewöhnlichen Stücken mit seltener Farbe und langer, dokumentierter Geschichte. Denn die Kosten für Logistik, Gutachten, Bearbeitung, Handelsmarge und Beratung, welche beim Erstkauf den Preis mitgestalten, kommen beim Wiederverkauf nicht zum Zug. Labordiamanten stellen den Anspruch an ein wertsteigerndes Investment erst gar nicht: Sie wollen nur eines: ihren Träger schmücken. Mit hoher Qualität und maximaler Designfreiheit.

Ein Fahrzeug einer renommierten Marke. Eine Uhr aus einer namhaften Edelmanufaktur. Eine hochwertige Handtasche eines angesehenen Labels. All diesen Produkten ist eines gemein: Sie offenbaren sofort ihren Status als Luxusgut, weil sie ihre Herkunft sichtbar vor sich hertragen: mit dem Stempel eines unverkennbaren Brandings, welches man von aussen lesen kann und schon beim ersten kurzen Hinsehen wahrnimmt. Der Diamant hingegen schweigt über das, was ihn am meisten unterscheidet. Er präsentiert seine Grösse, seinen Schliff, seine Reinheit und sein Spiel mit Farbe und Licht, aber nicht seine eigentliche Biografie. Man müsste sich erst mit seiner Dokumentation im Zertifikat befassen – einer Lasergravur im Rondist oder einem Eintrag in der Blockchain –, um seine Entstehung, seine tatsächliche Geschichte zu erfahren. Dieses Wissen existiert und Transparenz ist möglich, aber nicht auf den ersten Blick und nur für den, der sie aktiv sucht. Um jedoch als Luxus zu gelten, braucht man ein Publikum, welches ihn als solchen wahrnimmt und versteht. Ein Diamant verlangt heute also etwas Neues: Vertrauen im Stillen. Wertschätzung ohne Bühne und Publikum. Gleichzeitig stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wenn keine Unterscheidung möglich ist und aus Exklusivität Reproduktion wird, für welchen Diamant würden wir uns entscheiden? Und was sind wir bereit auszugeben, wo doch der eine ein kleines Vermögen, der andere einen Bruchteil dessen kostet? Hier mag das Stichwort Nachhaltigkeit aufkommen. Normalerweise würde man diese dem gewachsenen Naturprodukt zuschreiben, welches ein Stück Erdgeschichte in sich trägt. Allerdings stellen die massiven Eingriffe in die Landschaft, die extremen, zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Minen, der hohe Wasserbedarf beim Abbau und lange Transportwege valide Gegenargumente dar. Geht also in dieser Frage der Laborstein als Sieger hervor? Sicherlich punktet die Hightech-Produktion in ethischer und logistischer Hinsicht. Allerdings muss man auch den extrem hohen Energiebedarf bei der Herstellung in die Waagschale werfen. Nur wenn dieser aus erneuerbaren Energiequellen gespeist wird, kann man ihm Nachhaltigkeit zusprechen.

GEWISSHEIT

Wer heute bei einem Juwelier vor der Vitrine steht und vor der Wahl zwischen Labor- und Naturdiamant steht, entscheidet nicht mehr nur nach den 4 C-Kriterien, also Carat, Cut, Clarity und Color. Wo alte Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren haben, wo zwei Gleiche konträrer nicht sein könnten, muss man sich neuen Fragen nach den eigenen individuellen Prioritäten stellen: Stehen der Glanz, das Funkeln, der effektvolle Auftritt im Vordergrund und das Prinzip «Mehr für weniger», auch weil der Beschenkte sicherlich niemals nach Herkunft und Kennzahlen fragen wird? Oder liegt der Anspruch im Unwiederholbaren, im aufgespürten Schatz, dessen Reise durch die Zeit einzigartig ist – und für welchen man bereit ist, den höheren Preis zu zahlen? Vielleicht gibt es keine grundsätzliche, nur eine spontane Antwort bei dieser Entscheidung. Vielleicht ist an einem Tag die Ästhetik ausschlaggebend, zu einer anderen Gelegenheit zählt die Einzigartigkeit, auch wenn man sie von aussen nicht sieht. Dass sich eine Branche, welche über Jahrhunderte konstant geblieben war, nun von Grund auf verändert, ist unbestritten. Und ebenso, dass immer mehr grosse, weltweit etablierte Luxus- und Traditionshäuser inzwischen massiv auf Labordiamanten setzen: Der französische Luxusjuwelier Fred, welcher zur LVMH-Gruppe gehört, Prada, TAG Heuer, Breitling oder Pandora erweitern ihre Kollektionen oder verzichten ganz auf Minendiamanten. Die ersten «Swiss made»-Diamanten gibt es auch schon: Die junge Schweizer Schmuckmarke Loev Jewelry stellt inmitten der Naturidylle des Muotatals Labordiamanten her und nutzt die Wasserkraft des Alpenflusses als nachhaltige Stromquelle. Etwa zwei Wochen benötigen sie für einen Einkaräter, dessen Preis bei etwa einem Drittel bis einem Viertel eines vergleichbaren Naturdiamanten liegt. Andere Häuser der traditionellen High-Jewelry-Branche bleiben bewusst beim natürlichen Stein, um ihren Kreationen auch die exklusivsten Zutaten zu bescheinigen. Am Ende zählt die Gewissheit, ganz im Stillen das gewählt zu haben, was sich gerade richtig anfühlt.

DIE FRAGE, DIE BLEIBT

Sie ist noch immer ungebrochen, die Faszination eines Diamanten. Seine sternenhafte Schönheit und das geheimnisvolle Funkeln verleihen ihm unveränderte Magie. Sein Wert mag sich wandeln, sich vom Rohstoff zum finalen Auftritt, von der Substanz zum Anspruch verändern, welche der Einzelne an ihn stellt. Doch auch wenn die Selbstverständlichkeit der Exklusivität und die bislang als gesetzt verstandene Limitierung entfallen, bleibt er eines: ein Symbol für Liebe, für Beständigkeit, für Wertschätzung. Die Wahl zwischen Natur- und Labordiamant wird zur Entscheidung, weniger über den Stein als über die eigene Haltung zu seinem Hintergrund, seiner Herkunft, seiner Sichtbarkeit. Und vielleicht auch die Erkenntnis bringen, dass es noch nie um die Materialität des Diamanten ging, sondern um seine Vollendung im Schmuckstück und um die Bedeutung, die ihm der Schenkende und sein Besitzer zusprechen. Im Stillen.

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