Lernen, Stillstand als Fortschritt zu begreifen.

«Gelungene Proportionen lösen Glücksgefühle aus», sagt Designer Peter Schmidt.

Herr Schmidt, Sie gestalten seit einem halben Jahrhundert so unterschiedliche Dinge wie Baumkuchen, Bierflaschen, Staubsauger, Kondome, Binden, Inkontinenzwindeln, Bücher, Magazine, Firmenlogos, Konzerthallen, Opernfoyers, Bühnenbilder und Kostüme. Können uns gute Formen zu besseren Menschen machen?
Man kann Menschen mit Hässlichkeit erschlagen wie mit einer Axt, oder man kann sie durch die Veredelung von Alltagsgegenständen zu schönheitsbewussten Wesen erziehen. Die Dinge, welche uns umgeben, prägen uns ähnlich stark wie die Sprache, die wir sprechen. Ein Raum mit gelungenen Proportionen löst Glücksgefühle in uns aus, eine McDonald’s-Filiale dagegen lässt uns in Einsamkeit und Sinnlosigkeit ertrinken. Die Gewöhnung an die alltäglichen Scheusslichkeiten greift tiefer in unseren Charakter ein als man meint. Stendhal hielt Schönheit für eine Verheissung von Glück. Diese Sehnsucht gilt es wachzuhalten. Vielleicht ist es die wichtigste Fähigkeit des Menschen, sich durch Schönheit erstaunen zu lassen.

Welcher Gebrauchsgegenstand hat in Ihren Augen vollkommene Formen?
Die um 1900 herum designte Odol-Flasche mit dem Schwanenhals, der Flakon von Coco Chanels erstem Parfüm, die Concorde und der Ferrari Dino. Das vollendetste Objekt, welches ich je in der Hand gehalten habe, ist eine Teedose, die der letzte japanische Lackmeister 1906 angefertigt hat. Von der japanischen Kultur habe ich etwas Entscheidendes gelernt: Sich um die Gestaltung scheinbar belangloser Alltagsgegenstände zu kümmern intensiviert das Leben. Das Normale wird besonders, wenn man es mit Sorgfalt und Achtsamkeit behandelt. Eine zweite Lektion hiess: Weglassen. Sich um die Bewegung der Luft in einem Raum zu kümmern, kann wichtiger sein als die gesamte Inneneinrichtung. Die dritte und wichtigste Lektion lautete: Ästhetik ohne Ethik ist Kosmetik.

Sie sind mit drei Geschwistern in Bayreuth aufgewachsen, wo Ihre Eltern eine Gärtnerei betrieben. Wenn sonntags alle im blauen Anzug in die Kirche gingen, trugen Sie ein gelbes Sakko.
Ich war ein Sonderling, der von der Idee besessen war, etwas Besonderes zu sein. Nachdem ich von vier Schulen geflogen war, musste ich mit 15 eine Lehre als Lithograf machen. Auch da blieb ich ein Einzelgänger. Niemand verstand, warum ich seit meinem 12. Lebensjahr Haikus las und lieber zeichnete, als mit anderen eine Pulle Bier aufzumachen.

Wann entstand Ihr Interesse für Form und Gestaltung?
Die Sehnsucht nach Schönheit entsteht in der Kindheit oder nie. Ich litt darunter, dass der Chefdesigner der jungen Bundesrepublik Piefke hiess. Durch den Imperialismus von Banalität und Vulgarität wurde meinen Augen speiübel. Ich war nur in meinen Träumen zu Hause und hatte unendliches Fernweh. Ich sass stundenlang am Fenster, und wenn Wolken aufzogen, stellte ich mir vor, es seien die Alpen. Stand ich vor einer geschlossenen Bahnschranke, träumte ich, auf den vorbeifahrenden Zug aufzuspringen. Mit 14 durfte ich in Bayreuth eine Probe von Wagners «Götterdämmerung» besuchen. In mir legte sich ein Schalter um. Ich begriff: Du musst die Welt, welche du suchst, selber erfinden.

Ordnung zerfällt in der Sekunde, in welcher sie entsteht. Sind schönheitssüchtige Ästheten strukturell unglückliche Charaktere?
Vollkommene Ästhetik funktioniert nur, wenn man mit sich allein ist. Dass unsereins nur Stilleben glücklich macht, hat etwas Antisoziales. Insofern liegen Perfektionismus und Melancholie dicht beieinander. Wer sich nur in der Maske der Perfektion erträgt, kann Menschen nicht mit spontaner Herzlichkeit begegnen. Das gelingt nur bei Kindern. Ihre Gegenwart macht Ästhetik egal. Man fühlt sich frei und leicht, weil Kinder gar nicht wissen, was Geschmack ist.

Gehen Sie sich in Ihrer Edelgalaxis zuweilen selber auf die Nerven?
Ja, man muss aufpassen, nicht zu einer Karikatur zu werden und natürliche Menschen nicht unnatürlich zu finden. Karl Kraus meinte einmal, ein Ästhet interessiere sich eher für den Büstenhalter als für die Brüste darin. Soweit sollte man es nicht kommen lassen. Das heisst aber nicht, dass man bedruckte Unterhosen für einen zivilisatorischen Fortschritt halten muss.

Womit kann man Ihre Eitelkeit verletzen?
Wenn Sie das Herz eines Produktgestalters brechen wollen, machen Sie ihm ein Kompliment, das mit den Worten beginnt: «Ihre Arbeit erinnert mich an…»

Sie leben zwischen Hunderten Pretiosen. Überlegen Sie manchmal, ob es nicht schöner wäre, leere weisse Wände anzuschauen?
Natürlich könnte man dem Beispiel von Balzac folgen. Bei ihm zu Hause hing ein Stück Pappe an der Wand, auf das er geschrieben hatte: «Hier bitte ein Rembrandt!» Besitzlosigkeit hält die Phantasie wach, denn alles, was man nicht besitzt, ist begehrenswert. Andererseits gibt es für Sammler wie mich das unvergleichliche Glück des Suchens und Findens. Man muss aber aufpassen, kein morbider Ding-Fetischist zu werden, der Zierrat als Lebensstütze braucht. Zu manchen Menschen sage ich mit erhobenem Zeigefinger: «Sie besitzen Ihre Dinge nicht, die Dinge besitzen Sie!»

Sie sammeln seit mehr als vierzig Jahren japanische Stellschirme aus dem 17. Jahrhundert, Tapisserien aus Tibet und alte Buddha-Statuen. Warum hat es Ihnen die klassische asiatische Kultur angetan?
Weil es keine andere Kunst besser versteht, Tiefe an der Oberfläche zu verstecken und Gedanken zu verdichten. Wenn in einem Haiku eine Blüte zu Boden fällt, ist das ein ekstatischer Moment von Vergehen und Trauer. Uns Westeuropäern fallen dazu nur Kehrichteimer und Schaufel ein.Weil es keine andere Kunst besser versteht, Tiefe an der Oberfläche zu verstecken und Gedanken zu verdichten. Wenn in einem Haiku eine Blüte zu Boden fällt, ist das ein ekstatischer Moment von Vergehen und Trauer. Uns Westeuropäern fallen dazu nur Kehrichteimer und Schaufel ein.Weil es keine andere Kunst besser versteht, Tiefe an der Oberfläche zu verstecken und Gedanken zu verdichten. Wenn in einem Haiku eine Blüte zu Boden fällt, ist das ein ekstatischer Moment von Vergehen und Trauer. Uns Westeuropäern fallen dazu nur Kehrichteimer und Schaufel ein.Weil es keine andere Kunst besser versteht, Tiefe an der Oberfläche zu verstecken und Gedanken zu verdichten. Wenn in einem Haiku eine Blüte zu Boden fällt, ist das ein ekstatischer Moment von Vergehen und Trauer. Uns Westeuropäern fallen dazu nur Kehrichteimer und Schaufel ein.

Sie haben Ihre luxuriöse Villa verkauft und den grössten Teil Ihrer Sammlung einem Museum geschenkt. Lehren einen die Kulturen Asiens auch die Vergeblichkeit, Besitztümer anhäufen zu wollen?
Im Keller seiner Seele weiss jeder von uns, dass ein Sarg keine Regale hat. Sich von Dingen zu trennen, kann schöner sein, als sie zu erwerben. Man erlebt ein Fest der Leere und merkt, dass Besitztümer «prana suckers» sind, Lebensatemvampire.

Wenn Sie beim Abschied von der Erde etwas mitnehmen könnten, was wäre das?
Meine 30 Jahre alte Armbanduhr von Jürgensen. Man muss sie aufziehen, deshalb symbolisiert sie für mich, dass meine Zeit abläuft.

Sie sind 81. Über Ihre Zukunft sagten Sie einmal: «Meine Vorbilder liegen in Asien. Dort geht man im Alter in ein Kloster und versucht, durch Introspektion und Kontemplation mit sich ins Reine zu kommen. Der Sinn des Alters ist, Einsamkeit in Einsichten zu verwandeln.» Zu welchen Einsichten sind Sie gelangt?
Dass sich unser Leben daran entscheidet, ob die Menschen, welche wir lieben, uns auch lieben. Jedem steht der Moment bevor, in dem uns auf dem Totenbett ein Mensch die Augen schliesst. Wie wird dieser Mensch uns anschauen? Mit Liebe und Wärme in den Augen? Oder mit der sichtbaren Genugtuung, dass es endlich aus ist mit uns?

Welches ist die traurigste Marter, die das Alter bereithält?
Das schrumpfende Herz und der sinkende Neugier-Pegel. Teenager lachen im Schnitt sechsmal am Tag, Menschen über 60 nur noch zweimal. Die 17 fürs Lächeln notwendigen Muskeln verkümmern. Man versteinert, wird menschenmüde, und der Kopf sitzt einem falsch herum auf den Schultern. Man schaut zurück statt nach vorne und wird zum Fossil, das auf die Welt schaut wie durch einen täglich kleiner werdenden Schlitz. Je älter man wird, desto besser war man früher. Das ist der Selbstbetrug des Alters. Man verklärt die eigene Vergangenheit, weil man keine Gegenwart mehr hat.

Wie begegnen Sie Düsternis und Schwermut?
Ein Weg ist, sich die Welt vom Leib halten, eine Insel aus sich machen, teilnahmslos und unerschütterlich werden. Aber dann ist man schon zu Lebzeiten tot. Meine Therapie gegen die Melancholien des Alters sind klassische Musik, Ballett und meine Arbeit. Wie sagt der Volksmund: Des Teufels Werkbank ist der Müssiggang.

Erleben Sie noch Abenteuer?
Was mich immer noch überraschen kann ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ich weiss bis heute nicht, wie ich auf Menschen wirke. Ansonsten führt die Ichbezogenheit des Alters dazu, dass man erst für die anderen uninteressant wird und sich schliesslich mit sich selbst langweilt. Es ist die Zahl offener Möglichkeiten im Leben, welche viel dazu beiträgt, dass sich ein Mensch frei fühlt und jung. Da habe ich immer schlechtere Karten.

Angenommen, Sie treffen den 20-Jährigen, der Sie einmal waren: Hätten Sie sich etwas zu sagen?
Ich würde dem 20-Jährigen sagen: «Werde kein Arbeitsalkoholiker. Lerne, Stillstand als Fortschritt zu begreifen.» Es ist doch widersinnig: Je reicher die Menschen sind, desto mehr arbeiten sie. Kreative Musse ist demonstrativem Stress gewichen. Wer heute wichtig erscheinen will, muss unbedingt geschäftig wirken. Das Merkmal der wahren Aristokratie der Zukunft wird sein, dass man über seine Zeit verfügen kann. Sollte der 20-jährige Peter Schmidt den Eindruck erwecken, meinen Vortrag zu verstehen, würde ich noch etwas hinzufügen: «Laufe nicht mit einer schlechtsitzenden Maske durchs Leben, unter der dein wahres Gesicht verfault.»

Der Publizist Fritz J. Raddatz sagte kurz vor seinem Suizid: «Älterwerden heisst, skeptischer gegenüber Menschen zu werden und mehr und mehr enttäuscht vom Leben zu sein. Man kotzt die Welt an, die einen ankotzt.» Ist das auch Ihre Erfahrung?
Wer derart verzweifelt stirbt, muss sich fragen, ob er nicht umsonst gelebt hat. Der Kern unseres Daseins besteht doch darin, wie wir mit unserer Einsamkeit zurechtkommen. Erst wie wir sterben zeigt, wer wir sind. Man sollte leben, als gebe es keinen Tod und so sterben, als hätte man nicht gelebt. Aber wem gelingt das? Die meisten sterben mit dem Gedanken, es wäre besser gewesen, Sünden zu bereuen, als im Alter zu bereuen, zu wenig gesündigt zu haben.

Gibt es – neben Seniorenermässigungen – Vorzüge des Alters?
Man begehrt die Dinge nicht mehr, welche man sich früher nicht leisten konnte. Und man weiss, wie nichtig das meiste von dem ist, was man einst für vielsagend hielt. Aus Tragödien werden Komödien, und am Ende hat man nichts mehr zu sagen, weil wie bei einem alten Ehepaar alles gesagt ist. Man ist nur noch eine ehrbare Ruine und schaut zu.

Gibt es mit 81 noch Glück?
Was Glücksekstasen sind, weiss ich nur noch aus Erinnerung. Aber dafür habe ich gelernt, dass es das Glück der Kontemplation gibt. Eine Blume betrachten und sich der Zeit überlassen – das kann Glückseligkeit sein. Auf einmal sieht die Welt aus wie mit Leuchtfarbe gemalt. Die Ruhe der Seele ist der grösste Schatz des Lebens. Das Friedliche am Alter ist, dass man es schafft, den Hass aus seinem Leben zu vertreiben, weil man begreift, dass der Hassende leidet und nicht der Gehasste.

Gibt es einen Satz, der Sie seit vielen Jahren begleitet?
Ja. Er lautet: «Verstehen tut man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts.» Dieser Satz erklärt die Melancholie des Alters.

Der Interviewer
Sven Michaelsen studierte Literatur und Geschichte, war zwanzig Jahre lang Reporter und Autor beim Stern und schreibt heute meist für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Sein Markenzeichen sind porträtierende Gespräche mit den Leitfiguren und Idolen unserer Zeit. 2014 und 2018 wurde er mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Zu seinen Buchver­öffentlichungen zählen «Starschnitte», «Wendepunkte», «Ist Glück Glücksache?», «Das drucken Sie aber nicht!» sowie «Warum hat das Unglück mehr Phantasie als das Glück?».

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